Kulturelle Identität: Was soll das denn sein?

„Was soll bitte schön eine kulturelle Identität sein? Definieren sie das doch mal.“

Auf diese Frage stösst man sowohl in Talk Shows, Zeitungsartikeln wie auch in alltäglichen Konversationen. Meistens wird sie in Diskussionen über Einwanderung und Multikulturalismus gestellt, insbesondere wenn jemand den Verlust des christlichen Abendlandes beklagt. Die Frage drückt aber keinerlei Interesse daran aus, was eine typisch deutsche oder schweizerische Kultur ausmacht. Vielmehr zielt sie darauf ab, denjenigen, der unter Verlustängsten leidet, in die Enge zu treiben. Die Frage wird daher stets mit der impliziten Annahme gestellt, dass sie nicht beantwortet werden kann. Aus Sicht des Fragestellers gibt es sowas wie eine kulturelle Identität nämlich gar nicht. Dahinter verbirgt sich weniger eine durchdachte individualistische Philosophie, sondern reine Polemik. Denn wer ernsthaft behauptet, dass er nicht wisse, was die eigene Kultur ist, ist schlicht und ergreifend ein Kulturbanause.

Die Forderung einer Definition des Begriffs einer bestimmen Kultur zeugt jedoch nicht nur von Ignoranz, sondern beruht auf der falschen Annahme, dass ein Begriff nur dann verwendet werden sollte, wenn eine Definition gegeben werden kann. Träfe diese zu, müssten wir haufenweise Maulkörbe verteilen, denn kaum ein Ausdruck unserer Alltagssprache lässt sich ohne Gegenbeispiele vollständig definieren. Zu Recht verweist zum Beispiel Thea Dorn in ihrem Buch deutsch, nicht dumpf, auf Ludwig Wittgensteins Konzept der Familienähnlichkeiten. Dies führt Wittgenstein in seinen philosophischen Untersuchungen anhand des Beispiels „Spiel“ ein. Der Begriff lässt sich nämlich nicht ohne weiteres mit notwendigen und hinreichenden Bedingungen definieren. Ballspiele, Brettspiele, Kartenspiele, Rollenspiele und Videospiele sind alles Tätigkeiten, die unter den Begriff „Spiel“ fallen. Doch was ist ihnen gemeinsam? Wittgenstein zufolge kann kein derartiges Kriterium angegeben werden, sondern vielmehr besitzen sie überlappende Eigenschaften, die eine Subsumption unter einen Begriff erlauben. Gegeben, dass eine Vielzahl weiterer Begriffe nicht definiert werden kann, sondern vielmehr ebenfalls mit dem Konzept der Familienähnlichkeiten erfasst werden muss, wäre es nicht verwunderlich, wenn auch der Begriff der kulturellen Identität ebenfalls davon betroffen wäre.

Tatsächlich ist es jedoch einigen Philosophen gelungen, den Begriff „Spiel“ zu definieren (Beispiele sind hier und hier nachzulesen). Viele Jahre nach Wittgenstein. Unabhängig davon, ob diese Definitionen adäquat sind oder nicht, zeigt dies, dass Begriffsdefinitionen nicht innerhalb einer Minute in einer Talk Show gegeben werden können, sondern jahrelange philosophische Arbeit erfordern. Trotzdem haben wir ein intuitives Verständnis dieser Begriffe. Entsprechend haben wir auch ein intuitives Verständnis dafür, was zum Beispiel die deutsche Kultur ausmacht und wie sie sich zum Beispiel von der schweizerischen oder japanischen Kultur unterscheidet, ohne dass wir diese explizit definieren können.

Ich möchte an dieser Stelle weder den Begriff der kulturellen Identität analysieren, noch möchte ich eine spezifisch schweizerische oder deutsche Leitkultur definieren. Vielmehr werde ich im Folgenden argumentieren, dass ganz nach Wittgensteins Maxime „Denke nicht, sondern schau“ eine Kultur erlebt werden muss. Eine Kultur zu erfassen ist eine empirische Angelegenheit und kann nicht durch reine Denkleistung erfolgen. Für diese These habe ich sprachphilosophische Gründe.

Einer populären Sprachtheorie zufolge, dem semantischen Externalismus, ist die Bedeutung von bestimmten Eigenschaftswörtern oder von Eigennamen nicht a priori zugänglich. Dieser Theorie zufolge ist die Bedeutung eines Wortes nämlich nicht eine Idee in unseren Köpfen oder ein abstraktes Konzept, sondern ein Objekt oder eine Eigenschaft, die unabhängig von uns existiert. Nicht ohne Grund lautet der Slogan dieser Theorie „Meanings are not in the head“. Betrachten wir ein Beispiel. Der semantische Gehalt des Wortes „Wasser“ ist dem semantischen Externalismus zufolge nicht etwa die Idee von einer farblosen Flüssigkeit, die in Seen und Flüssen vorkommt, trinkbar ist und so weiter. Denn viele Sprecher assoziieren viele unterschiedliche Eigenschaften mit diesem Wort. Vielmehr ist die Bedeutung des Wortes „Wasser“ das, worauf es sich bezieht, nämlich eine Flüssigkeit mit der chemischen Zusammensetzung H2O. Wenn wir also von Wasser sprechen, dann beziehen wir uns auf jene Flüssigkeit, unabhängig davon, ob wir deren chemische Zusammensetzung kennen oder nicht. Vor der Entdeckung von H2O kannten die Menschen also die Bedeutung des Wortes „Wasser“ nicht wirklich. Es wäre damals demnach völlig hinfällig gewesen, den Begriff zu definieren. Erst durch die Entdeckung von H2O war dies möglich. Definitionen in diesem Sinne sind also nur a posteriori möglich.

Dasselbe gilt sowohl für den Begriff einer kulturellen Identität im abstrakten Sinne, wie auch für konkrete Identitäten wie zum Beispiel die schweizerische, die japanische oder die deutsche. Was auch immer jene Entität ist, die wir „Kultur“ nennen, es ist eine Frage der Empirie, was sie ausmacht und kann daher nicht vom Sessel aus in einer Talk Show beantwortet werden.

Ich empfehle daher allen, die nicht verstehen, was eine kulturelle Identität sein soll, ihre Bildungsdefizite nachzuholen.

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