Über die Maulhelden


Seit längerem hat sich im öffentlichen Diskurs eine Unart verbreitet, die ich als „Maulheldentum“ bezeichnen möchte. Dabei handelt es sich um ein Phänomen, das sowohl die politische Korrektheit wie auch das Virtue signaling (Tugendsignalisierung) umfasst. Letzteres bedarf einer kurzen Erklärung. Es handelt sich dabei um den Versuch, sich durch akzeptierte Meinungsäußerungen als guten Menschen zu zeigen. Dies ist vor allem in den sozialen Netzwerken weitverbreitet. Beispiele dafür sind das Verurteilen von vermeintlich rechtspopulistischen Parteien wie der AFD, die weite Empörung über die Verhaftung der Sea Watch Kapitänin Carola Rackete oder Betroffenheitsbekundungen nach Terrorattentaten.


Virtue Signaling mutet zurecht anrüchig an. James Bartholomew, der Urheber des Terminus, kritisierte in seinem Artikel im Spectator daher, dass Virtue Signaling nichts anderes als leeres Geschwätz sei, dessen einziger Zweck der Ausdruck einer akzeptierten Meinung sei, ohne dabei ein Risiko einzugehen oder ein Opfer zu erbringen. Es handelt sich also um eine bequeme Moral, die zuweilen heuchlerisch anmutet.


Was ich nun als Maulheldentum bezeichnen möchte, betrifft sowohl dieses Virtue Signaling als auch die politische Korrektheit. Es bezeichnet sämtliche Erscheinungsformen jener fehlgeleiteten Überzeugung, die diesen zugrunde liegt: Die Überzeugung, dass man allein durch das sprachliche Verhalten ein guter Mensch sein kann. Diese wird selten explizit formuliert, sondern scheint vielmehr implizit angenommen zu werden, wenn mit dem erhobenen Zeigefinger moralisiert wird.


Maulhelden sind vielerorts zu finden. Es sind die Gender Ideologen, die geschlechterspezifische Sprachvorschriften um jeden Preis durchboxen wollen oder andere Sprachpolizisten, die beim kleinsten Verdacht auf Rassismus sich empören. Es sind die „Refugees Welcome“ Brüller und AFD Hasser, die Klimajugend, die Forderungen an die Politik stellt, selber aber weder Lösungsvorschläge bringt noch ihr eigenes Verhalten hinterfragt. Es sind SJW Aktivisten, die an Videospielen, die das böhmische Mittelalter als Schauplatz haben, bemängeln, dass „People of Color“ nicht vertreten seien.


Die Frage, die ich nun stellen möchte, ist Folgende: Verdienen diese Maulhelden ein dickes Lob, oder doch eher einen Maulkorb?
Der Philosoph Peter Singer argumentiert in seinem Klassiker „Praktische Ehtik“, dass sich ethisches Handlen durch seinen universalistischen Standpunkt auszeichnet. Damit meint er, dass ethische Prinzipien niemals auf eine bestimmte Gruppe eingeschränkt werden können. Ethik zeichnet sich demnach dadurch aus, dass sie für alle gilt, unabhängig von Hautfarbe, Geschlecht oder sogar Spezieszugehörigkeit. Ethisch zu handeln heißt daher, dass nicht nur die eigenen Interessen und Ziele verfolgt werden, sondern diese zugunsten von anderen Menschen zurückgestellt werden. Ethisches Handeln erfordert, dass wir anderen helfen, mit ihnen teilen und ihnen keinen Schaden zufügen. Damit beinhaltet Ethik also stets die Übernahme von Verantwortung und das Erbringen von Opfern. Dies ist zum Beispiel bei den Ärzten ohne Grenzen der Fall, die auf ein hohes Gehalt verzichten und sich in Krisengebieten erheblichen Gefahren aussetzen.


Schaut man sich hingegen die Opferbereitschaft sowie der Wille zur Verantwortungsübernahme der Maulhelden an, ist die Bilanz ernüchternd. Schön daherreden und andere für die Verletzung von Sprachnormen anprangern erfordert weder große Opfer, noch muss man für irgendetwas die Verantwortung übernehmen. Ähnliches gilt für grüne Schulschwänzer, die von der Politik schädliche Maßnahmen fordern, ohne dabei einen Hauch von Opferbereitschaft zu zeigen. Die Co2 Reduktion wäre längst realisiert, wenn die Schreihälse auf ihre Grillwurst und ihr Steak verzichten würden.


Die meisten mögen Maulhelden für Nervensägen halten, mehr nicht. Doch ihr Verhalten ist aus moralischer Sicht problematisch. Erstens besitzen sie, wie die obige Diskussion nahelegt, kein Verständnis für Ethik. Sie reden moralisch dahin, solange es nichts kostet. Maulhelden machen sich also der Heuchelei schuldig.


Zweitens ist das Maulheldentum eine Form von Narzissmus. Maulhelden sind nie leise. Egal ob in sozialen Medien, Diskussionssendungen oder bei einer Demonstration auf dem Bundesplatz, stets blöken die Schafe in voller Lautstärke. Damit wollen sie Aufmerksamkeit gewinnen und die eigene Person ins Zentrum rücken. Dem Maulhelden geht es also mehr um sich selber und die soziale Anerkennung, als um ein moralisches Anliegen.


Drittens, dadurch, dass das Maulheldentum nichts kostet und zugleich soziale Anerkennung mit sich bringen kann, verführt es zum Mitläufertum. Das scheint zunächst kein Problem zu sein, doch Mitläufer denken nicht. Sie handeln nicht nach dem, was sie für richtig halten, sondern stimmen in jenen Chor ein, der am lautesten brüllt. In der Vergangenheit haben wir zur Genüge erkannt, welche furchtbaren Konsequenzen das haben kann.


Maulhelden sind heuchlerische, narzisstische Mitläufer. Man sollte ihnen also unbedingt das Maul stopfen. Aber wie? Ignorieren geht nicht. Dafür sind sie zu laut. Stattdessen sollte man sie mit ihren verwerflichen Motiven konfrontieren. Ihre Heuchelei gehört an den öffentlichen Pranger, ihr Narzissmus sollte entblößt werden und das falsche Verständnis von Ethik berichtigt werden. Kurz gesagt: Man sollte ihnen zeigen, dass sie bloß Maulhelden sind. Gleichzeitig bleibt zu hoffen, dass in Zukunft die Aufmerksamkeit wieder zu Menschen driftet, die unsere Welt tatsächlich zu einem besseren Ort machen.

Literatur

Singer, Peter (1993), Practical Ethics, second edition, Cambridge: Cambridge University Press; first edition, 1979.

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