Die verdammten liberalen Eliten

Die Globalisierung hat eine gebildete, weltoffene und mobile Gewinnerkaste hervorgebracht. In seinem neusten Buch widmet sich der Psychoanalytiker Carlo Strenger dieser liberalen Elite und wird dafür mit viel Lob überschüttet. Es ist höchste Zeit für eine kritische Gegenstimme.

Diese verdammten liberalen Eliten. Wer kennt sie nicht? Sie sind abgehoben, arrogant, besserwisserisch und nirgendwo verwurzelt. Sie essen lieber vegane Würstchen als gute Hausmannskost, Familie und Tradition bedeuten ihnen nichts und ihre Muttersprache ist längst durch das Englische ersetzt worden. Der Autor Carlo Strenger, Seelenklempner und Psychologieprofessor an der Universität Tel Aviv, ist einer von ihnen. Er ist einer von den Guten und darum hat er uns mit diesem Büchlein beglückt.

Stereotypen und Strohmänner

Wer sind die liberalen Eliten? Will man diese Frage ohne Vorurteile beantworten, ist man vor eine schwierige Aufgabe gestellt, denn sowohl der Begriff des Liberalismus als auch jener der Eliten ist alles andere als klar. Ruft man den entsprechenden Artikel der Stanford Encyclopedia of Philosophy auf, erschlägt einem ein wortgewaltiger Artikel, in dem verschiedene Analysen des Begriffs differenziert werden. Schnell wird klar, dass der Liberalismus viele unterschiedliche Ausprägungen annehmen kann und es fraglich ist, ob die Eliten überhaupt in irgendeiner Form Anhänger dieser Philosophie sind.

Strenger umgeht dieses Problem: Er identifiziert die liberale Elite stattdessen ganz einfach mit jenen, die seine Ansichten teilen. Es handelt sich um eine Bevölkerungsgruppe, die ein Hochschulstudium absolviert hat, äußerst mobil ist und zur oberen Mittelschicht gehört. Bigotterie, Rassismus und Provinzialität sind den liberalen Eliten ein Gräuel und ihre universalistischen Ansichten verdonnern sie dazu, sich mehr um die Menschheit insgesamt zu sorgen als um ihre Landsleute. Der Europäischen Union gegenüber sind sie aufgeschlossen und jeglicher Nationalismus ist ihnen zuwider. Sie sind Sozialdemokraten und setzten sich daher für eine Umverteilung von oben nach unten ein. Kurz gefasst, die liberalen Eliten sind die Guten. Zu kontrastieren sind sie mit ungebildeten Rechtspopulisten, die knapp das Stadium des Neandertalers hinter sich gelassen haben, und verblendeten Ideologen der Marktwirtschaft. Dass namhafte liberale Denker wie Ludwig von Mises oder Friedrich August von Hayek genau zu diesen vermeintlichen Ideologen gehört hatten, scheint Strenger hingegen nicht zu interessieren. Er nimmt sich lieber namenlose Strohmänner als Zielscheibe.

Im Mittelteil des Buches will der Autor seinen Lesern ein persönliches Bild der liberalen Eliten vermitteln, indem er Fallbeispiele aus der psychoanalytischen Praxis schildert. Dieses Vorgehen hat jedoch einen Haken: Die Beispiele sind frei erfunden. Man wundert sich daher, warum der Autor nicht (mit psychisch gesunden) Individuen aus jener Bevölkerungsgruppe Interviews durchgeführt hat. Böse Zungen mögen nun den Verdacht äußern, dass die liberalen Eliten ein Fantasieprodukt von Strenger sind und er daher keine Interviewpartner gefunden hat.

Auf jeden Fall handelt es sich um eine vertane Chance. Wären die vermeintlich liberalen Eliten persönlich zu Wort gekommen, wäre der Erkenntnisgewinn deutlich größer gewesen. So hinterlässt Strengers Buch einen schalen Nachgeschmack: Hier geht es nicht wirklich um die liberalen Eliten, sondern um den Autor selber, der sich auf die Schultern klopfen will.

Zahme Selbstkritik

Im letzten Drittel des Buches lässt Strenger die Hoffnung aufkeimen, doch noch etwas Demut zu zeigen und sich in Selbstkritik zu üben. Ihm zufolge stoßen die liberalen Eliten zunehmend auf Ablehnung, weil sie ihre eigenen Rezepte nicht befolgen. Eines davon lautet, dass man sich nicht von modischen Trends verführen lassen sollte, sondern sich anhand unabhängiger Fakten selber eine Meinung bilden sollte. Als Beispiel nennt er die Anbiederungen der Sozialdemokraten an die Ideologen der Marktwirtschaft, die den Menschen auf einen homo oeconomicus reduzieren. Dass er ausgerechnet dieses Beispiel nennt, ist jedoch höchst heuchlerisch. Warum nennt er nicht die dogmatische Sackgasse der postmodernen Philosophie an den geisteswissenschaftlichen Fakultäten? Oder warum hinterfragt er nicht seine eigenen sozialdemokratischen Prinzipien?

Ein zweites Problem der liberalen Eliten besteht Strenger zufolge darin, dass sie nicht erkennen, dass alle Menschen ein Bedürfnis nach einer Gruppenidentität haben. Zugleich schöpfen sie ihre Selbstachtung aus ihren persönlichen Verdiensten und weniger aus einer bestimmten Gruppenzugehörigkeit, Tradition oder Religion. Dadurch mangelt es ihnen an Verständnis dafür, dass Außenstehende den raschen Wandel der Globalisierung und den Zuzug von Migranten als eine Gefahr für die eigene Kultur betrachten. Als Folge davon werden die liberalen Eliten als Fremdkörper wahrgenommen. Dass dies zu psychischen Problemen führen kann, ist offensichtlich. Man fragt sich jedoch, ob dadurch nicht eine gewisse Skepsis gegenüber dem von Strenger propagierten Lebensstil angebracht ist.

Strengers dritter Kritikpunkt an den liberalen Eliten ist ihr Umgang mit traditionsverbundenen Gruppen. Sie schauen auf diese herab, stellen sie oft als primitiv dar und verspotten ihre Ansichten als anachronistisch oder wahnhaft. Zugleich beklagt Strenger, dass vermeintliche Rechtspopulisten nicht kritikfähig seien und deren Wortführer kaum sachlich angegriffen werden können, ohne dass deren Anhänger auch gleich beleidigt seien. Dagegen empfiehlt er Folgendes: Die Behauptungen der Populisten müssen sachlich auseinandergenommen werden, ohne dass man Abscheu gegenüber der Person zeigt, die diese aufstellt. Strenger nennt dies „zivilisierte Verachtung“. Ich würde es einfach „Anstand“ nennen. Eine große Einsicht ist das nicht.

Ärgerlich an dieser Selbstkritik ist, dass Strenger sie selber nicht auf seine eigenen Thesen anwendet. Die mögliche Falschheit der eigenen Aussagen ist priori ausgeschlossen. Von unabhängiger Meinungsbildung ist in diesem Buch nichts zu finden. Damit verbunden ist auch seine Schwarzweißmalerei. Liberale, die nicht in sein sozialdemokratisches Schema passen, bezeichnet er als Ideologen. Dass die Mehrheit dieser vermeintlichen Blindgänger hochkompetente Ökonomen sind, scheint ihn nicht zu interessieren. Ähnliches gilt für die vermeintlichen Rechtspopulisten: Strenger präsentiert sie als ungebildete Modernisierungsverlierer, die keine Selbstachtung aus ihren eigenen Leistungen ziehen können und zu irrationalen Ängsten neigen. Das mag bestimmt auf einen Teil deren Wählerschaft zutreffen, doch ist fraglich, ob dies nicht ebenfalls auf die Grünen oder die Linken zutrifft. Auf jeden Fall macht es sich Strenger zu einfach.

Wissen wir am Ende der Lektüre, wer die liberalen Eliten sind und warum wir sie brauchen? Nein. Wir wissen nun aber, wer Carlo Strenger ist und wir wissen, dass er zu den Guten gehört.

Carlo Strenger: Diese verdammten liberalen Eliten. Wer sie sind und warum wir sie brauchen. Suhrkamp Verlag, Berlin 2019. 172 S.

Kommentar hinterlassen

Schreib einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.


*